Monster, Mythen, Mutationen



Für den uneingeweihten Leser sei gesagt, dass Alles was jetzt folgt die Schilderung eines Gemeinschaftsprojektes aus der Sicht der Dramaturgiestudierenden Anna Wille ist, welches seinen Anfang an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig nimmt. 

Dramaturgiestudenten am Limit

Wenn es passiert, dass man im Fahrstuhl im Dittrichring aus Versehen einmal die Vier drückt, dann kommt man ganz oben unter dem Dach heraus und fragt sich, was eigentlich auf diesem Flur passiert, wer dort wohnt, wer dort studiert. Dort oben sitzen Dramaturgiestudierende. Und was machen die gerade so?

Seit Beginn des Wintersemesters pendeln sie. Sie pendeln zwischen hier und Berlin. Was erst mal nichts Ungewöhnliches ist. Ungewöhnlich oder vielmehr neu ist, dass sie in Berlin dann mit Dozentin Sandra Umathum in die Ernst Busch Schule für Schauspielkunst fahren und sich dort mit Regiestudirenden und Regiesseurin Claudia Bauer treffen. Sie treffen sich und plötzlich fragt jemand: Was ist Trash? Denn das zu erforschen, ist der Grund warum sie sich überhaupt treffen. Am Anfang stehen ein Seminar, eine große Ratlosigkeit, ein Definitionsversuch und ein Flüchten in einen Berg voll Videos der Trashmaster der letzten Jahrzehnte. Und dann werden Grüppchen gebildet. Immer ein Regiestudierender findet sich mit bis zu drei Dramaturgiestudierenden zusammen. Ein sicher nie wiederkehrender Luxus! Nur damit kein falsches Bild entsteht! Nun gibt es also fünf Teams. Die wieder sitzen und weiter grübeln, ratlos sind, was das denn nun ist, das mit dem Trash? Ob man da überhaupt drüber nachdenken kann, ob man das überhaupt planen oder konzipieren kann, so Trash? Sie denken an Hulk und an Flash Gordon, an grelle Farben und spritzende Flüssigkeiten in noch grelleren Farben. Sie denken an Warhol, Schlingensief und ans Scheitern, oder wenigstens an theoretische Scheitersysteme. Und als sie beginnen wollen über die tiefere Bedeutung von Plastikstühlen auf der Bühne nachzudenken, werden Forschung und Theorie die Rücken zugekehrt und es geht an den Experimental-Teil. Pendelnd zwischen Leipzig und Berlin werden Konzepte entwickelt, wird in Bibliotheken gewühlt und an Tischen gebrütet. Doch zum Glück sitzen Regiestudierende entgegen den meisten Dramaturgiestudierenden nicht allzu gerne allzu lange an Tischen und reden, sondern wollen probieren.
Die Probebühne wiederum wird in Halle am Neuen Theater sein. Und auch wenn es in der Tat trashig wäre, wenn Regisseure und Dramaturgen ihre eigenen Ideen vorturnen, wollen sie sich nicht auf diesen ungewollten TrashFaktor verlassen und überlassen besser dem Studioklub Halle das finale Performen und Spielen. Der Studioklub Halle, dass sind neun Leipziger Schauspielstudierende auf der Zielgeraden ihrer Ausbildung. Die Spannung steigt und ab hier beginnt ein logistischer Irrsinn, der sich nicht anders als in Aufzählungen ausdrücken lässt. Jetzt sollen also in zehn Tagen die fünf konzeptionell vorgefertigten und mitgebrachten Projekte geprobt werden. Die neun Schauspieler sind mindestens zweimal, oft sogar dreimal besetzt, von morgens bis abends machen sie jede Textorgie, jeden Striptease mit und schlagen dazu noch eine Plastestuhlakrobatik vor. Alles im Dienste des Experiments und einer unbezwingbaren Spielwut, die Herzchen in die Augen der Konzeptionsteams zaubert. Der Mythos besagt, dass die Schauspielstudierenden nachts auch noch durch die Republik gereist sind und an Theatern für ihre anstehende Zukunft vorgesprochen haben, was bedeuten würde, dass sie schon Hulks sind und der „Time Warp“ nicht mehr geprobt werden muss!
Schließlich gibt es einen Abend aus fünf zwanzigminütigen unterschiedlichsten Projekten. Der Abend ist einmalig, weil nur einmal aufgeführt, und obendrein ausverkauft. Trash Hüü oder Hott, zugegeben, der Wille zur Definition ist aller Begeisterung am wilden Ausprobieren gewichen.
Am Ende bleiben Monster, Mythen und Mutationen. Im Konkreten wird der tote Robert Enke vom selbsternannten Torwart des Jahrtausends Oliver Kahn nach dem selbstverfasstem Erfolgsprinzip „Ich-Erfolg kommt von Innen“ geheilt und erleuchtet; Kapitän Ahab teast mit seiner Crew den Moby Dick an, der eigentlich eine 20teilige Theaterserie ist; ein Papst, ein Richter und eine Ärzten wollen in Ralphs Talkshow das Opfer richten, richten und richten, aber es ist und bleibt ein Freak; eine Folge Familie im Brennpunkt, Scripted Realitiy im Nachmittagsprogramm wird im Brecht’schen Sinne für die Bühne verfremdet und schließlich unterzieht sich King Kong, auf dem Empire State Building unter Beschuss stehend, einer dreiteiligen Prüfung um eine perfekte Frau zu werden. Dazu trumpft die elfköpfige, das Thema über alle Maße erfüllende, Band Panzerquartett auf, dass der Zuschauerraum in Nebel und Angst versinkt.
Und dann ist es geschafft! Kein Scheitern, kein Chaos, kein Untergang. Alles gut!
Mit extra viel Pathos und Inbrunst muss an dieser Stelle gesagt werden, dass die ganze Sache unglaublich war. Unglaubliches Zusammenspiel der Hochschulen. Unglaubliches Schauspielstudio. Unglaubliches kann auch das Theater Halle. Unglaublich gute Idee, dieses Projekt, was eigentlich Seminar war. Unglaublich wichtig wäre mehr davon!
Das alles geschah bis es Dezember wurde im Dittrichring und der vierte Stock nun wieder besiedelt ist. Jetzt sitzen sie da, die Dramaturgiestudierenden und gehen Diesem und Jenem nach und hoffen und liebäugeln, denn vielleicht ziehen sie bald noch einmal aus, mit KingKong und Kahn und Freunden und sehen wie „Monster, Mythen und Mutationen“ in Berlin auskommen.

Nachtrag:

Und dies geschah nun Ende Februar. Und es geschah schön. KingKong, Kahn und ihre Freunde wüteten, spritzten und loopten (to loop- in einer Endlosschleife spielen) vor zweimal ausverkauftem Haus im bat, dem Studioclub der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin. So schön. So schön.

Und hier gehts zu den Fotos.
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